Von  Hans-Josef  B e c k e r
Kunst aus dem Ried: Heinz Jordan 

GERNSHEIM. "Guernica heute". Einer tiefschwarzen Unterwelt mit Picasso-Fragmenten entzieht sich mühevoll eine weiße Taube, strebt nach oben, den Sumpf hinter sich lassend. "Es ist die Hoffnung auf Frieden", kommentiert der Maler sein Bild, auf dem auch die Daten der Terrorangriffe seit New York zu entnehmen sind. Heinz Jordan stimmt mit dem  Alexej Jawlensky überein: "Kunst ist die Verkörperung von Wahrheit."

Das hat er hautnah erlebt: Weil er in seinem Umkreis mit Magersucht konfrontiert wurde, entstand eine realistische Serie über diese Krankheit. "Sie zeigt viel Leid", kommentiert der Künstler, "und es tut weh bei der Arbeit". Das trifft allemal auf "Bagdad" zu, einen geschundenen Totenschädel. Doch kann Jordan das Jawlensky-Wort ebenso zurückweisen: "Kunst ermöglicht auch die Flucht aus der Wahrheit sein."


Vielleicht ist das mit ihm ja ein wenig selbst so: "Bei der Arbeit bin ich in einer anderen Welt."  Das hält er nachgerade für wichtig. Schließlich sollen die Menschen zum Ansehen seiner Werke animiert werden, sollen dabei auch in eine andere Welt eintauchen. Zuvor leere, weiße Leinwände spiegeln nach seinem "Ausflug" neue Welten wider. Es ist ein Schöpfungsakt, "der meine ganze Energie benötigt und mir danach die totale Entspannung und Befriedigung beschert". Diese "Flucht" ist für den 1956 in Heiden Geborenen lebenswichtig: "Malerei ist für mich die Luft zum Leben."

Die schnupperte der damals Fünfzehnjährige bei ersten Malversuchen in Öl, bevor er ab 1974 sein autodidaktisches Kunststudium in Museen in Deutschland und der Schweiz aufnahm. Seit 1978 in Gernsheim lebend, widmete er sich ab 1980 vorrangig der Akt- und Porträtmalerei. Damit einher ging angestrebter Perfektionismus in der "Naiven Malerei". Später traten surrealistische und realistische Malerei hinzu.

Jordan stellte in vielen Städten aus, erhielt 2003 einen Großauftrag zu künstlerischer Raumgestaltung. Seit 2004 gibt es etliche seiner Werke im Berliner Kunstverlag Ooge als Kunstdrucke auf Leinwand. Eine Webdesign-Agentur gestaltet mit seiner Serie Frankfurter Skyline-Bilder verschiedene Internet-Seiten.

Lange Jahre hatte sich der Künstler den "sauberen" Techniken, dem Exakten, verschrieben. "Zeichnen heißt Weglassen", diese Beschreibung Max Liebermanns beherrscht Jordan, indem er Form und Konturen auf klare Linien reduziert. Es entstanden Bilder, die eindeutig in der Darstellung und kräftig in Farbe und Umriss sind. Dazu Menschen wie Jordan sie sieht: undurchdringlich und geheimnisvoll, mitunter verzärtelt.

Weitere Arbeiten zeigen den fetten Bonzen, ein kleines Kirchlein inmitten unbarmherzig hoher Hochhäuser ("Kontraste") oder auch "Efeu-Blatt". Weil er malt "was mir in den Kopf kommt", werden Alltagsmotive festgehalten: Wäscheklammern, Stempel, Rosenblüte. Das weiß getünchte Haus mit den blauen Klappläden könnte überall stehen. Der Betrachter erkennt die Auseinandersetzung des Künstlers mit den verschiedenen Stilarten: ein Pluralismus der Möglichkeiten.
 



"Kunst muss alles dürfen" sagt Heinz Jordan zu der Vielzahl und Unterschiedlichkeit seiner rund 300 Werke. Und ganz betont weist er die Ansicht von Walther Rathenau zurück: "Die Kunst bedarf der Schranken. Und ihre vornehmste Schranke ist das Volk und sein natürlicher Geschmack." Gleichzeitig widerspricht er aber auch der Tolstoi-Äußerung, wonach Konservatismus nirgends so schädlich ist wie in der Kunst. "Es gibt sehr gute konservative Kunst; die Mischung macht's."

2006 wagte sich Heinz Jordan an die abstrakte Malerei. "Es war ein schwerer Weg dorthin." Infiziert wurde er von Gerhard Richter. Es ist eine anstrengende Passion, die ihn schwitzen läßt. Mit der eigens fabrizierten Abzugleiste aus Plexiglas drückt das Mitglied des Frankfurter Kunstvereins seine Farben auf die Leinwand, zieht sie ab, wie der Verputzer seinen Putz. Dabei hat er im Kopf, wie das Ergebnis aussehen soll; dementsprechend komponiert er die Farben. Und er muss den Verwischeffekt beachten, muss Lücken lassen, die Dreidimensionalität einkalkulieren. Schließlich werden mehrere Schichten aufgetragen, Klares auf Verschwommenem und umgekehrt, das Spiel des Lichtes nachempfunden.

So also ist der hauptberufliche Bankmann bei Richter gelandet, Dali und Picasso sind keine Vorbilder mehr: "Surrealistisch male ich nur noch zur Entspannung." Doch Monika Jordan weiß: "Er ist mit seiner Entwicklung noch lange nicht am Ende." Sie kann das beurteilen, hat sie doch die  Phasen ihres Mannes miterlebt. Ihr gefallen alle seine Werke sehr, während für den Künstler eines hervorsticht. "Emanzipation" zeigt eine schöne Frau, deren Spiegelbild kopflos ist. Auf den noch blutenden Hals hat Jordan ein kleines, schreiendes und nach hinten gewandtes Haupt gesetzt.

Ein Lieblingsmotiv kennt er nicht, während er bei der Farbe überzeugt Rot nennt. Und das hat nichts damit zu tun, dass Jordan angesichts der meisten Galeristen rot sieht. "Kunst braucht Unabhängigkeit, damit sie sich entfalten kann - Gier hemmt ihre Entwicklung", kann sich der Gernsheimer ereifern. Und er begrüßt es, dass es aufgrund der weltweiten Vernetzung möglich ist, sich als Künstler "von der rein monetären Denkweise der Galeristen" zu verabschieden. Anvertraut hat er seine Arbeiten der Galerie Schiffler in Bad Soden und The Saatchi Gallery, die online verkauft.

Bereits 2002 hatte Heinz Jordan die "Galerie Art23", nun zusätzlich die "Initiative Galerie unabhängige Kunst" begründet. Gute Kunst sei mit Hilfe der neuen Medien in der Lage, sich selbst zu vermarkten. "Die so gesparten, horrenden Galerieaufschläge von 40 bis 60 Prozent kommen letztendlich der Unabhängigkeit der Kunst und dem Kunstliebhaber zu Gute." Spätestens an diesem Punkt wird überdeutlich, dass der Gernsheimer keine elitäre Kunstauffassung vertritt. Sensibilität, Toleranz soll gegenüber allem gelten, was Menschen begegnet.